Herausforderung angenommen!

KERSTIN FEIERT ALS SKIFAHRERIN GROSSE ERFOLGE

Der Mensch nimmt vieles als selbstverständlich wahr – oft auch seine Gesundheit. Das gilt vor allem für wichtige Körperteile wie Arme und Beine. Erst, wenn man aufgrund einer Verletzung oder kurzzeitigen Einschränkung merkt, wozu man diese Gliedmaßen überall benötigt, wird einem klar, wie glücklich man sich schätzen kann, wenn alles so funktioniert, wie es soll. Bei Kerstin Will ist es genau andersherum: Sie ist seit ihrer Geburt von der Hüfte abwärts gelähmt und auf den Rollstuhl angewiesen. Für die 38-Jährige ist es daher fast eine Selbstverständlichkeit, dass ihre Beine nicht funktionieren. Ihrer Lebensfreude, ihrem Vertrauen und vor allem ihrem großen Mut tut das aber keinen Abbruch.

Kerstin ist seit bald 19 Jahren bei antonius. Wenn man sie trifft, wird einem schnell klar, dass sie eine außergewöhnliche Frau ist, die trotz Rollstuhl ein selbstbestimmtes und abwechslungsreiches Leben führt – auch dank ihrer Eltern, die sie wo es nur geht unterstützen. Doch es geht noch Beeindruckender:  Kerstin ist nämlich mehrfache Goldmedaillengewinnerin im alpinen Skiwettbewerb bei den nationalen Special Olympics.

Angefangen hat ihre sportliche Karriere mit einem rollstuhlgeeigneten Kanu bei den Special Olympics 2008 in Karlsruhe, das ihr Elmar Möller, Freizeitpädagoge bei antonius und ein guter Freund von Kerstin, ans Herz legte, obwohl sie bis dahin eigentlich nicht besonders sportbegeistert gewesen war. Ihre Teilnahem an den Spielen war ein Erfolg und wurde zu einer einmaligen Erfahrung für die 38-Jährige.

Im folgenden Winter sah Kerstin einen Beitrag zum Skifahren im Rollstuhl im Fernsehen. „Ich fragte Elmar: ‚Kannst du dir vorstellen, dass ich das lerne?‘“, erinnert sie sich. Seine Antwort war simpel: „Wenn du das wirklich willst, mit viel Fleiß, Training und Arbeit dranbleibst, kannst du alles schaffen!“ Die Idee war geboren, „und das, obwohl ich eigentlich absolut kein Fan vom Winter bin.“ Es waren die Neugier, der Mut und das Vertrauen, die Kerstin diese neue Herausforderung verfolgen ließen. Ein Mono-Ski wurde angeschafft, mit dem sie in der Ski-Trainingswoche von antonius im Kaunertal zunächst Langlauf machte. Wie das funktioniert? Alles über die Arme. Eine Leistung, die sehr großen Respekt verdient. Selbst die 10-km-Runde bewältigte sie – mit etwas Unterstützung bei den Anstiegen – mit eisernem Willen und der Kraft ihrer Arme.

2014 wagte sie sich dann auf den Gletscher und im alpinen Stil die Pisten hinab, damals noch mit einem sogenannten Dual-Ski, zu dessen Bedienung man eine Begleitperson braucht. Ein paar Jahre später folgte für Kerstin dann ein gewaltiger Schritt in Richtung Selbstständigkeit: ein SnowKart. Dank breiterer Skistellung und festerem Stand braucht sie damit keine Krück-Ski mehr. „Mit zwei Griffen kann ich den Ski steuern und durch Heranziehen in den Pflug gehen oder sogar Slalom fahren“, erzählt sie begeistert.

Nun kann Kerstin allein und ganz selbstständig die Pisten hinunterfahren. Ein Begleiter fährt nur noch zur Sicherheit mit. „Nicht, dass ich mal umkippe und dann hoffen muss, dass mich jemand findet.“ Man merkt Kerstin an, dass das Skifahren ihr große Freude macht – von der anfänglichen Angst vor der Abfahrt ist nichts mehr zu spüren. Der Respekt vor der Sportart ist aber noch vorhanden – und das völlig zurecht. Kerstin weiß, dass Skifahren für sie nicht selbstverständlich ist und immer wieder harte Arbeit, Ausdauer, Training und starker Wille nötig sind. Und Kerstin will.

 

Seitdem feierte sie als erfolgreiche Skifahrerin jede Menge Erfolge – unter anderem zweimal Gold bei den ersten hessischen Landesspielen der Special Olympics 2019. Und das überrascht Kerstin wohl immer noch mit am meisten: „Ich wäre selbst nie darauf gekommen, dass ich heute so erfolgreich Ski fahren kann. Sport war nicht mein Ding, weil ich auch nicht wusste, was ich überhaupt machen kann. Heute liebe ich die Bewegung, mache Sport, im Sommer fahre ich zudem noch Fahrrad und spiele Boccia.“ Sie begeistert auch andere mit ihrer Geschichte – ihr Freund Matthias hat sich zum Beispiel ebenfalls an das Skifahren gewagt.

Ob sie sportlich gesehen noch weitere Ziele hat? „2021 wären die Weltwinterspiele, da könnten wir doch hin, oder Kerstin?“, schlägt Elmar vor und schmunzelt. Kerstin lacht. „Joa, warum nicht?!“ Doch bei all dem Enthusiasmus, den Erfolgen und der scheinbaren Leichtigkeit, darf man eines nicht vergessen: Wie viel Arbeit, Wille, Mut und vor allem Vertrauen hinter Kerstins Leistungen steckt, die sich immer wieder traut, neue Herausforderungen anzunehmen, nicht aufzugeben und immer weiter zu machen. Das ist bei keinem Menschen selbstverständlich und bestimmt nicht normal. Vor so einer Leistung kann man nur den allergrößten Respekt haben und den Hut ziehen. Chapeau!

SPECIAL OLYMPICS

Special Olympics ist die weltweit größte Sportbewegung für Men­schen mit geistiger Behinderung und Mehrfach­behinderung. Sie ist vom Internationalen Olympischen Komitee (IOC) offiziell anerkannt und mit nationalen Organi­sationen in 174 Ländern vertreten.

Special Olympics Deutschland (SOD) veranstaltet jährlich im Wechsel nationale Winter- und Sommerspiele. Alle zwei Jahre finden, ebenfalls im jahreszeitlichen Wechsel, die Special Olympics World Games statt. Austragungsort der Sommerspiele 2023 wird Berlin sein.

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