„Ich bin stolz auf meinen Führerschein“

MIT 45 KM/H DURCH DIE RHÖN  

Wenn Florian mit seinem 45 km/h-Auto durch Poppenhausen fährt, dann ist er vor allem eins: stolz. Stolz darauf, dass er den Führerschein geschafft hat, stolz auf sein erstes eigenes Auto und vor allem stolz, dass er so gut damit fahren kann. Und dabei dreht er nicht nur in dem beschaulichen Ort in der Rhön seine Runden, sondern fährt auch nach Fulda oder Schotten, besucht seine Eltern in Großenlüder oder Freunde in näherer Umgebung.

Letztes Jahr hat er sogar mal einen Trip nach Frankfurt gewagt. Fast vier Stunden brauchte er für eine Strecke, denn Schnellstraßen und Autobahnen sind für sein Auto tabu. „Das werde ich aber nicht nochmal machen“, lacht er. „Das hat schon ganz schön lange gedauert.“ Gelohnt hat es sich trotzdem, denn so hat er zum einen Fahrpraxis gesammelt, zum anderen die Eltern eines Kumpels besuchen können – ganz unabhängig von Bus, Zug oder Fahrdiensten. Genau das war auch der Grund, warum Florian den Führerschein unbedingt machen wollte: Selbstständiger werden und unabhängig. Einfach eigenständig irgendwo hinfahren, ohne zu gucken, ob ein Bus fährt oder ob ihn jemand mitnehmen kann.

Der Führerschein war ein großer Schritt in ein selbstbestimmteres Leben – und ein großer Schritt für Florian. Denn der Weg dorthin war alles andere als leicht: Der 29-Jährige hat eine Entwicklungsverzögerung und eine Lese- und Rechtschreibschwäche. Das Lernen fällt ihm schwer, er hat große Mühe, das Gelesene zu erfassen, manchmal braucht er fünf bis sechs Anläufe, bis er es wirklich verstanden hat. Die größte Hürde auf seinem Weg zum Führerschein war also die theoretische Prüfung, das Lernen dafür eine echte Herausforderung. Und das nicht nur für ihn, sondern auch für seine Mitmenschen. Denn sowohl Freunde als auch Familie haben ihn mit allen Kräften unterstützt, mussten ihn immer wieder zum Weitermachen motivieren, haben mit ihm gelernt und mit ihm gezittert. Bis ganz zum Schluss, denn der erste Versuch ging daneben. „Aber nur ganz knapp“, sagt er. „Das zweite Mal hatte ich dann ganze 0 Fehlerpunkte, da war ich schon echt stolz drauf.“

MIT STARKEM WILLEN

Doch wie schafft man es, die ganzen Fragebögen mit insgesamt fast 1.000 Fragen zu lernen, wenn gerade das einem doch so schwer fällt? „Ja also ich glaube, ich habe das geschafft, weil ich es unbedingt wollte“, antwortet Florian. Sein starker Wille war sein Antrieb, dieser hat ihm zu dieser Leistung verholfen. Genauso wie sein Wunsch nach einem weitgehend selbstbestimmten Leben und sein Ziel, selbst Entscheidungen treffen zu können.

Dafür hat der gebürtige Fuldaer schon immer gekämpft und tut es noch heute. Als er vor elf Jahren zu antonius kam, hatte er die Möglichkeit, in der Startbahn seine Stärken zu erkennen und zu fördern. Recht schnell war für ihn klar: Die Landwirtschaft ist sein Ding. So arbeitete er zunächst auf dem Hof von antonius in Haimbach. Über antonius lernte er 2015 auch Stephanie Müller-Gerst kennen, die die Initiative Leben und Arbeiten in Poppenhausen leitet, zu der auch das Apartmenthaus im Ortskern von Poppenhausen gehört. Durch den Umbau der ehemaligen Schule am Von-Steinrück-Platz sind insgesamt sieben Apartments für Menschen mit Behinderungen entstanden. Als dann ein Apartment frei wurde, zog Florian ein und fühlt sich hier bis heute äußerst wohl und konnte sogar einen Arbeitsplatz bei einem Partnerbetrieb von antonius, dem Biohof Gensler ergattern. Auf dem Biohof Gensler hilft Florian bei allem, was anfällt, unterstützt in der Backstube, schaut im Tipi-Dorf nach dem Rechten und fährt auch mal den Trecker; den Traktorführerschein hat er nämlich schon vor einigen Jahren gemacht.

LEIDENSCHAFTLICHER GO-KART-FAHRER

Dass Autofahren aber noch viel mehr Spaß macht, merkte er auf einer Ferienfreizeit in Dänemark – beim Go-Kart Fahren. Florian fuhr, als hätte er nie etwas anderes gemacht, nahm rasant aber sicher die Kurven und hängte seine Konkurrenten schon nach kurzer Zeit ab. „Da haben wir alle gestaunt und gemerkt: Der Florian kann das“, erinnert sich Stephanie Müller-Gerst. „Den Wunsch hatte er ja schon länger, jetzt wussten wir, dass es möglich ist.“

Daraufhin hat sich der 29-Jährige im März 2017 in der Fahrschule in Poppenhausen angemeldet – und musste so einige Anträge ausfüllen, bei denen er auch seine Beeinträchtigung nicht verschweigen durfte. Doch dadurch, dass bereits für den Traktorführerschein unter anderem ein ärztliches Gutachten eingeholt worden war, hielt sich der Verwaltungsaufwand dieses Mal in Grenzen. Nur vor der Theorieprüfung war Florian nervös – sie stellte eine große Aufgabe für ihn dar. Gemeistert hat er sie mit Kopfhörern, die Fragen wurden ihm vorgelesen, damit er sie besser erfassen konnte. Die Fahrstunden hingegen waren für ihn fast ein Klacks. Nun ist er seit einem Jahr stolzer Besitzer des Führerscheins, den er übrigens komplett alleine bezahlt hat. Nur beim Autokauf haben seine Eltern ihn finanziell unterstützt.

EIN WICHTIGER SCHRITT IN RICHTUNG EIGENSTÄNDIGKEIT

Florian ist froh darüber, dass er dieses große Projekt geschafft, dass er trotz Lernschwäche solch eine Aufgabe gemeistert hat. Jetzt fährt er mit seinem Auto täglich zur Arbeit, transportiert damit seine Einkäufe und Getränke, besucht Freunde, unternimmt Ausflüge oder fährt auch mal Kumpels zu Terminen. Und wenn er unterwegs ist, dann spürt man förmlich seine Freude über die gewonnene Unabhängigkeit, über die Freiheit, selbst entscheiden zu können, wohin es gehen soll: Ein weiterer wichtiger Schritt in Richtung Eigenständigkeit, in Richtung selbstbestimmtes Leben. Sein großes Ziel für die Zukunft: Vielleicht doch einmal einen Job auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt zu bekommen. Dafür ist der Führerschein schon mal eine gute Voraussetzung.

INITIATIVE LEBEN & ARBEITEN

Trotz Behinderung in der Heimat­gemeinde bleiben zu können, das ist das Ziel der Initiative Leben und Arbeiten, die inzwischen in den Gemeinden Poppenhausen, Eichenzell und Neuhof umgesetzt wird. Die Menschen mit Behinderungen leben in ihrer Gemeinde, arbeiten dort in Betrieben, werden in ihrer täglichen Lebens­führung von antonius begleitet und auch bei ihrer beruflichen Tätig­keit beraten und unterstützt.

PARTNERBETRIEBE VON ANTONIUS

Die Partnerbetriebe von antonius bieten Menschen mit Behinderungen Arbeitsplätze an. Sie können  in einem Betrieb mitarbeiten, werden aber weiterhin von antonius begleitet und sind offiziell in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderungen beschäftigt.  Ziel ist es, die Beschäftigten in enger Zusammenarbeit mit den Partnerbetrieben zu fördern und für eine Anstellung auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt vorzubereiten.

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