„Jeder Gast ist besonders“

DARIO ZAUBERT DEN GÄSTEN IM ANTONS EIN LÄCHELN INS GESICHT

„Das antons ist meine Leidenschaft, mein Herzstück“, schwärmt Dario und seine Augen leuchten. Der 21-Jährige kommt gerne jeden Tag zur Arbeit und bedient die zahlreichen Gäste, die sich in dem besonderen Bistro inmitten Fuldas Innenstadt ihr Frühstück oder Mittagessen schmecken lassen. Und er steckt sie an, mit seiner guten Laune, mit seinem Lächeln, das man einfach erwidern muss. Denn Dario ist ein herzlicher Mensch, jemand, der immer freundlich ist und dem man anmerkt, dass er seinen Job liebt.

Dabei macht er ihn nicht nur überaus gerne, sondern kann das, was er tut, auch richtig gut. Das ist etwas Besonderes, denn Dario hat eine Autismus-Spektrum-Störung. Eine Autismus-Spektrum-Störung ist keine Krankheit, sondern eine genetisch bedingte Wesensart, sein Gehirn unterscheidet sich von dem eines nicht-autistischen Menschen, es nimmt anders wahr, denkt und lernt anders. Veränderungen bedeuten für Dario Stress, für ihn ist es nicht leicht, aus seinen festen Strukturen auszubrechen. Doch Dario stellt sich genau diesen Herausforderungen Tag für Tag und schafft es immer wieder aufs Neue, über sich hinauszuwachsen. Er bedient die Gäste mit einer für ihn erstaunlich offenen Art, mit einer Herzlichkeit, die ansteckt. Und wenn man ihm länger zuhört, wird der Respekt vor seiner Leistung, vor seiner Entwicklung und vor ihm als Menschen immer größer.

Im Herbst 2015 zog der gebürtige Hesse aus dem Kreis Darmstadt-Dieburg nach Fulda auf den Campus von antonius – Netzwerk Mensch. In der dortigen Startbahn bekam er die Möglichkeit, sich beruflich zu orientieren und herauszufinden, wo seine Stärken liegen. Dabei wuchs sein Interesse an dem Bereich Lebensmittel & Service, eins von vier Berufsfeldern, die in der Startbahn angeboten werden. Erste Berufserfahrung sammelte er dann bei einem Praktikum im Flora klostercafé auf dem Frauenberg. Zwei Monate lang hat er dort seine Fähigkeiten im Service testen und ausbauen können. Ihm wurde schnell klar: Leute bedienen, das ist sein Ding. Auch, wenn aller Anfang schwer war, denn den Umgang mit fremden Menschen musste er erst üben, seine Unsicherheit besiegen. Vom täglichen Stress und Trubel in der Gastronomie mal ganz abgesehen. Doch er hat es geschafft, mit einer großen Portion Selbstdisziplin, mit eisernem Willen und mit geduldigen Menschen an seiner Seite, die ihn stets unterstützt haben.

DER ZUSAMMENHALT IST STARK

„Dario ist ein Macher“, sagt Christian Auth, Betriebsleiter des antons und enge Bezugsperson für Dario. Theorie ist nicht seins, er muss Dinge ausprobieren, praktisch erleben, um sie zu verstehen. So begann er im antons seine Ausbildung. Doch das, was er damals im Praktikum bereits verinnerlicht hatte – sich schick anzuziehen, bestimmte Bedienregeln zu beachten – war in dem neuen Bistro wieder anders. Er musste erneut seine Strukturen aufbrechen. „Das waren ganz schön viele Herausforderungen, denen ich mich stellen musste“, schaut Dario auf seine Anfänge zurück. Und fügt hinzu: „Aber ich bin mittlerweile schon viel entspannter und ruhiger geworden, habe gelernt mit Stress umzugehen und merke öfter als früher, wenn mich etwas überfordert.“ Auch das Team steht zu 100 Prozent hinter ihm, man merkt: Der Zusammenhalt ist stark.

Fängt Dario einmal an, über „sein“ antons zu erzählen, sprudeln die Worte nur so aus ihm raus. So berichtet er, dass man zunächst überlegt hat, wie man die Barrieren zwischen jungen Leuten und Menschen mit Beeinträchtigung überwinden, wie man Inklusion wirklich leben könne, so dass beide Seiten davon profitieren. Relativ schnell war die Idee eines kleinen Bistros geboren – schließlich gilt: Essen verbindet. In Fuldas Innenstadt sollte es liegen, denn dort erreicht man die Jugend am besten. Als die passende Räumlichkeit – zentral in der Robert-Kircher-Straße – gefunden war, ging es an die Planung. „Fast anderthalb Jahre haben wir getüftelt, überlegt, nachgedacht, ausprobiert, gebaut, gekocht, gebacken“, erzählt Christian Auth. Mitte Februar 2018 war es dann soweit: Das antons meet & eat öffnete seine Türen.

MEIN SCHRITT IN EIN SELBSTBESTIMMTES LEBEN

Das Projekt wurde von Menschen mit und ohne Behinderung entwickelt, Dario war von Anfang an mit dabei und brachte seine Ideen mit ein: Zum Beispiel hat er die Innenausstattung mit geplant und die Speisen mit ausgesucht. Jeder der jetzt hier arbeitet, übernimmt Verantwortung für die Aufgaben, die er am besten kann. Dario kümmert sich um den Service. Bringt das Essen an den Tisch, schaut, dass die Tische ordentlich und sauber sind und dass es den Gästen gut geht. Auch bedient er mittlerweile bei großen Veranstaltungen, dann wenn es so richtig voll ist – zum Beispiel beim Kneipenquiz oder beim Bingo Beatz. Auf die Frage, ob er schon mal einen ganz besonderen Gast bedient hätte, antwortet er: „Jeder Gast ist besonders.“ Er sagt, das antons war und ist für ihn ein Schritt in ein selbstbestimmteres Leben. Er kommt mit den verschiedensten Menschen in Kontakt, lernt sich selbst besser kennen und ist noch reflektierter geworden. 

Schon zu Startbahn-Zeiten wohnte er in einem eigenen Appartement auf dem Campus von antonius, hat dadurch gelernt, was es heißt, alleine zu leben. Eine persönliche Assistenz hat ihn dabei unterstützt. Mittlerweile wohnt er in einer bunt gemischten Wohngemeinschaft zwischen antonius-Campus und Innenstadt. Das klappt gut, er fühlt sich wohl.

Dass er sein Leben so führen kann, wie er es gerade tut, hat er nicht nur sich selbst, sondern auch dem antonius-Netzwerk und den dortigen Mitarbeitern zu verdanken. Darüber ist sich Dario sehr bewusst, auch, dass das Leben außerhalb von antonius viel härter wäre. Er sagt: „antonius ist wie eine Blase, in der man sich befindet. Es ist ein geschützter Raum, hier werde ich so akzeptiert, wie ich bin, vieles ist einfacher, als im echten Leben.“ Dadurch, dass er im antons arbeitet, hat er „einen Schritt raus aus dieser Blase“ gemacht. Er übernimmt Verantwortung und ist dem „echten“ Leben näher gekommen. Ein Erfolg, der dem Netzwerk-Gedanken von antonius zu verdanken ist, dass hier Assistenz so gestaltet wird, dass die Blase immer öfter durchstochen werden kann. Trotzdem möchte Dario erstmal hier bleiben, weiter Erfahrungen und Selbstbewusstsein sammeln, noch selbstständiger werden und vielleicht dann irgendwann mal komplett die Blase verlassen. 

WAS IST AUTISMUS?

Autismus ist eine Entwicklungs­störung, die aufgrund von komplexen Störungen des zentralen Nerven­systems entsteht. Die betroffenen Personen haben vor allem Probleme im Bereich der Wahrnehmungs­verarbeitung. Es fällt ihnen schwer, Beziehungen und Kommunikation mit Mitmenschen aufzubauen.

Das heißt, ihre Beziehung zur Umwelt, die soziale Teilhabe am gemein­schaftlichen Leben und die Fähigkeit zur Eingliederung in die Gesellschaft sind beeinträchtigt. Es können sowohl kognitive als auch sprachliche, motorische, emotionale und interaktionale Funktionen betroffen sein.

Geschichten