Die erste gemeinsame Wohnung

ANDREA UND MARTIN ERGÄNZEN SICH PERFEKT

Die erste eigene Wohnung, einkaufen, kochen, selbst die Möbel aussuchen – für viele ist das ein großer Schritt. Für Menschen mit einer Behinderung erst recht. Denn sie benötigen meist mehr Unterstützung und mehr Zeit, zu lernen, den Haushalt eigenständig zu führen. Manchmal können sie auch gar nicht alleine leben, wenn sie zum Beispiel auf eine 24-Stunden-Betreuung angewiesen sind. Manchmal wird es ihnen aber auch gar nicht zugetraut, weil sie gar nicht erst die Möglichkeit bekommen, es auszuprobieren.

Andrea und Martin bekamen die Chance – und haben sie ergriffen. Das Paar lebt seit Herbst 2017 in einem eigenen Appartement. Dieses befindet sich im sogenannten Herrenhaus im Ortskern von Eichenzell. Formal als Appartement in einer Wohngemeinschaft bezeichnet, ist es aber abschließbar, abtrennbar vom restlichen Haus. Somit ist es für sie „ihre Wohnung“, denn die obere Etage gehört nur den beiden, sie haben eine eigene Küche, ein Schlafzimmer und ein Bad, das sie alleine nutzen. Eigentlich ist es eher unüblich, dass ein Paar in einem Appartement im stationären Wohnen lebt, doch für die beiden ist es eine große Chance. Sie ergänzen sich so gut, dass sie zusammen besser zurechtkommen, als alleine – da war es nur logisch, ihnen diese Möglichkeit zu geben.

Das Herrenhaus in Eichenzell

EIN ZUHAUSE IN EICHENZELL

Andrea und Martin sind im Herrenhaus in Eichenzell Bewohner der ersten Stunde. Andrea hat eine geistige Behinderung. Der 51-jährigen fällt es schwer, Informationen aus ihrer Umwelt zu verarbeiten, ihre kognitiven Fähigkeiten sowie ihr Lernvermögen sind stark eingeschränkt. Mit Zahlen oder der Uhrzeit kann sie zum Beispiel gar nichts anfangen. Dadurch ist sie sehr zurückhaltend, unsicher und das Sprechen fällt ihr schwer. Gebürtig kommt sie aus Langenselbold, seit über 30 Jahren ist sie schon bei antonius und bekommt hier die Unterstützung, die sie braucht. Genau wie Martin arbeitet sie in Fulda-Haimbach auf dem antonius Hof. Dort haben sich die beiden übrigens auch kennengelernt. Elf Jahre ist das schon her. Auf dem Hof sortiert Andrea unter anderem die Kartoffeln, nach Sorte, Größe und Zustand.

Martin ist eher technisch versiert. Er fährt den Gabelstapler, hat trotz seiner Lernschwäche dafür vor drei Jahren sogar den Stapler-Führerschein gemacht. Außerdem ist er beim Kartoffelpflanzen und bei der Ernte mit dabei. Der aus Hofbieber-Schwarzbach stammende 54-jährige hat ebenfalls eine geistige Behinderung. „Ich bin aber ein bisschen fitter als andere“, erzählt er mit einem Schmunzeln. Trotzdem fällt es ihm schwer, Dinge zu lernen, Strukturen zu verinnerlichen und beizubehalten.

JEDER BRINGT SEINE STÄRKEN EIN

Bevor die beiden ins Herrenhaus gezogen sind, haben sie getrennt voneinander gewohnt und verschiedene Wohnkonzepte bei antonius ausprobiert. Martin hat zuletzt im betreuten Wohnen gelebt. Das hat nicht so gut funktioniert, alleine kam er nicht so gut klar. Er hatte Schwierigkeiten damit, dem Alltag eine Struktur zu geben und diese zu halten. Jetzt, wo er mit Andrea zusammenlebt, läuft es besser. Sie gibt ihm den nötigen Halt: „Ich habe jetzt Andrea, ich kümmere mich um sie, koche und backe für sie, gehe einkaufen und helfe ihr, wenn sie Hilfe braucht.“ Er hat das Gefühl, gebraucht zu werden, dass da jemand ist, der ohne ihn nicht so gut zurechtkommen würde. Das stützt ihn, gibt ihm Stabilität und Struktur. Und dadurch stützt er Andrea. Denn ohne Martin bräuchte sie mehr Unterstützung, als sie derzeit bekommt, eine eigene Wohnung wäre dann nicht drin. Martin hilft ihr im Alltag, in der Lebenspraxis. Er macht es möglich, dass sie relativ eigenständig leben kann.

Andrea und Martin in ihrem Zuhause

 

Wenn er kocht, schnippelt sie die Zutaten, sie ist gerne kreativ und strickt viel, er ist handwerklich begabt. Beide mögen es sauber und ordentlich in ihrer Wohnung – die Küche glänzt übrigens fast so wie im Küchenstudio – und kümmern sich gemeinsam um den Haushalt. Sie ergänzen sich perfekt. Dadurch ermöglichen sie sich gegenseitig ein Leben mit mehr Selbstständigkeit, ein Leben mit Privatsphäre, mit Raum für eigene Entscheidungen und mit Freiheit. Sie übernehmen Verantwortung für sich, für den Partner, für ihre Wohnung. Und sammeln dadurch Selbstbewusstsein. So fahren sie zum Beispiel öfter zusammen mit dem Zug nach Fulda – für Andrea alleine undenkbar. Im letzten Jahr waren sie sogar am Gardasee im Urlaub. Dieses Jahr sind ein paar Tage Sylt geplant.

In Eichenzell fühlen sie sich wohl und haben sich gut eingelebt. Martin engagiert sich ehrenamtlich in der örtlichen Feuerwehr, ist auch bei Einsätzen mit dabei und hilft wo er kann. Man merkt: Die beiden kommen sehr gut miteinander zurecht und wissen auch noch nach elf Jahren Beziehung, was sie an dem anderen haben. Deshalb hat Martin seiner großen Liebe im letzten Jahr einen Heiratsantrag gemacht. Darauf angesprochen, zeigt Andrea stolz ihren Verlobungsring. Und wann soll geheiratet werden? „Das wissen wir noch nicht“, lacht Martin. Was die beiden aber ganz sicher wissen: 2021 wollen sie noch eigenständiger werden und in eine „richtige“ eigene Wohnung ziehen. Am liebsten in Fulda-Haimbach, denn dann hätten sie es nicht mehr so weit bis zur Arbeit. In dem Fall wäre das das betreute Wohnen, dann würde nur noch ein paar Mal die Woche ein Betreuer vorbeikommen und beratend zur Seite stehen. Um den Rest, wie zum Beispiel die Finanzen, müssten sie sich selbst kümmern. Aber die beiden sind optimistisch, zu zweit können sie es schaffen.

DAS HERRENHAUS IN EICHENZELL

Das Herrenhaus wurde im Oktober 2017 als innovatives Inklusionsprojekt eröffnet. antonius, der Verein Leben und Arbeiten in Eichenzell sowie die Gemeinde Eichenzell hatten und haben dabei ein Ziel vor Augen:

Jungen Menschen mit Behinderung zu ermöglichen, unabhängig von ihrem Elternhaus und so selbstständig wie möglich in ihrer Wunschheimat zu leben. 17 Menschen mit Behinderung leben nun hier in einzelnen Appartements, 24 Stunden ist ein Ansprechpartner vor Ort. 

Geschichten